Was hat Martin Luther King jr. mit Arbeitsrecht zu tun?

Vielerorts wird dieses Jahr Martin Luther Kings gedacht. Anlass ist der 50. Jahrestag seiner Ermordung im Jahr 1968. Für die evangelischen Kirchen wurde der baptistische Pastor Dr. King junior fast eine Art Heiligenfigur. Aber was hatte der Theologe und Bürgerrechtler mit Arbeitsrecht zu tun?
Von Rechtsanwalt Nikolai Rupay Dahm

Reichlich viel. Der Grund seines Aufenthaltes in Memphis, Tennessee, wo er im April 1968 erschossen wurde, war ein Streik. Die Memphis Sanitation Worker, also die Angestellten der Müllabfuhr, hatten zum Streik aufgerufen. Bei diesem Streik sollte Dr. Martin Luther King jr. – häufig abgekürzt als „MLK“ – eine Streikrede halten. Am Abend zuvor wurde er ermordet.

Worum ging es bei dem Streik?
Die mehrheitlich schwarzen Sanitation Worker streikten gleichermaßen gegen rassistische Unterdrückung und miserable Arbeitsbedingungen. Jahrelang hatten sie bei schlechter Bezahlung unter gefährlichen Arbeitsbedingungen gearbeitet: Sie konnten jederzeit ohne Vorwarnung von den (meist weißen) Vorgesetzten gefeuert werden. Der Lohn betrug zwischen $ 1,60 und $ 1,90, sodass viele auf einen zweiten Job, Sozialhilfe oder Essensmarken angewiesen waren um ihre Familien über Wasser zu halten. Überstunden wurden nicht bezahlt, Arbeitskleidung mussten die Angestellten sich selbst beschaffen und Toiletten für sie gab es nicht. Der Streik begann, nachdem im Februar 1968 zwei Arbeiter, Echol Cole und Robert Walker von einem defekten Müllwagen zu Tode zerdrückt wurden. Bereits vier Jahre zuvor waren zwei Müllarbeiter auf diese Weise ums Leben gekommen. Der Bürgermeister von Memphis weigerte sich, die kaputten Maschinen zu ersetzen.

Arbeitsrecht, Armut, Diskriminierung
Der Streik war Teil der Poor People’s Campaign, der Kampagne der armen Leute. Ziel der von der Bürgerrechtsorganisation SCLC organisierten Kampagne war ökonomische Gerechtigkeit, die Idee, dass alle Menschen ein Menschenrecht auf ein Existenzminimum haben. King und das SCLC waren zu dem Schluss gekommen, dass Bürgerrechte allein nicht ausreichten um Armut und ökonomische Ungleichheit zu bekämpfen; und dass nicht nur Schwarze von Armut betroffen waren. Die Poor People’s Campaign richtete sich gegen Armut und Benachteiligung aller Amerikaner/innen, auch der asiatisch-stämmigen, der Latinos, der Indigenen und der Weißen. Für King war deswegen der Streik der Müllabfuhr ein zentraler Teil der Kampagne.

Missachtung gewerkschaftlicher Grundrechte
Der Bürgermeister von Memphis, Henry Loeb, erklärte den Streik für illegal und weigerte sich, sich mit den Streikenden zu treffen. Loeb war Leiter der Stadtreinigung gewesen und hatte die schlechten Arbeitsbedingungen jahrelang verantwortet, bevor er Bürgermeister wurde.

Viele Schwarze hatten Angst, sich gewerkschaftlich zu organisieren. Sie befürchteten Schikanen. Die Angst war begründet: einige Jahre zuvor, 1963, wurden 33 Arbeiter/innen sofort gekündigt, als sie an einem gewerkschaftlichen Treffen teilgenommen hatten. Erst im November 1964 gelang die Gründung einer lokalen Arbeitnehmervertretung. Ein Streik im August 1966 wurde verhindert, indem die Stadt den Gewerkschafter/innen mit Gefängnis drohte.

Wieso beteiligte sich Martin Luther King am Streik?
King nahm erstmals im März 1968 am Streik Teil und sprach vor tausenden Streikenden. Er betonte, dass die Geringverdiener und Benachteiligten zusammenhalten müssen, egal ob weiß, schwarz, Latinos, Asiaten oder Indigene. Anders könne man Armut und Benachteiligung nicht überwinden. Statt in den Vietnamkrieg müssten die Ressourcen in die Armutsbekämpfung fließen. Als er einige Tage später an einer weiteren Demonstration teilnahm, kam es zu gewaltsamen Ausschreitungen und Plünderungen. MLK war entsetzt davon, weil Gewaltfreiheit zu seinen Grundprinzipien gehörte. Die Polizei griff mit Schlagstöcken und Tränengas ein und erschoss einen 16-Jährigen. In den Medien wurde die Poor People’s Campaign für die Gewalt verantwortlich gemacht. Erst Jahrzehnte später kamen Dokumente der FBI-Operation COINTELPRO ans Licht, die vermuten lassen, dass die Plünderungen von verdeckten Mitarbeitern des FBI entfacht worden waren.

Am Abend des 3. April 1968 hielt Martin Luther King seine berühmte „Promised Land“-Rede und betonte erneut, dass die Unterprivilegierten zusammenhalten müssen. Konkurrenz unter den Armen helfe nur den Reichen und Mächtigen. Am 4. April wurde wurde Dr. Martin Luther King jr. erschossen.

Wie ging es weiter?
Schwarze und weiße Prediger drängten Bürgermeister Loeb, den Streikforderungen nachzukommen. Doch dieser weigerte sich weiterhin, auch nur die Gewerkschaft der Müllarbeiter/innen anzuerkennen. Schließlich griff US-Präsident Lyndon B. Johnson ein und ließ die Verhandlungen von einem Staatssekretär übernehmen. Am 16. April 1968 endete der Streik mit dem Ergebnis, dass die Gewerkschaft der Stadtreinigung anerkannt und die Löhne erhöht wurden. Allerdings mussten erst noch weitere Streiks angedroht werden, bis die Vereinbarung auch tatsächlich umgesetzt wurde.

Was hat das mit uns heute zu tun?
So, wie die Memphis Sanitation Worker mehrheitlich schwarz und arm waren, finden sich heute in Deutschland besonders viele Nicht-Weiße in schlecht bezahlten Jobs, z.B. im Reinigungsgewerbe oder in der Pflege. Auch Frauen sind häufiger von schlechten Arbeitsbedingungen betroffen. Benachteiligung im Arbeitsleben und Missachtung von Arbeitnehmerrechten führt zu weitreichenden Konsequenzen für den Lebensunterhalt, die körperliche und geistige Gesundheit der Arbeitenden und für ökonomische Ungleichheit in der gesamten Gesellschaft. Um daran etwas zu ändern brauchen wir nicht nur eine vorausschauende Politik der sozialen Gerechtigkeit, sondern auch eine starke gewerkschaftliche Organisation.

Dem Streik der Memphis Sanitation Worker ging jahrelange Gewerkschaftsarbeit voran. Schwarze waren zu jener Zeit von vielen Gewerkschaften ausgeschlossen. Auch das war eine Ursache der extremen Ungleichheit und Armut. Deswegen setzen sich Gewerkschaften heute für alle Arbeitnehmer/innen ein, unabhängig von Herkunft, Hautfarbe oder Nationalität. Das ist wichtig für ökonomische und demokratische Gleichberechtigung und für den Zusammenhalt in der Gesellschaft

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